04.02.2010 17:43 Alter: 5 yrs

Marko Feingold: Ehrung für einen unermüdlichen und humorvollen Mahner


Präsident der Israelistischen Kultusgemeinde Salzburg erhält ersten "Kurt-Schubert-Gedächtnispreis" für interreligiöse Verständigung

Salzburg (APA) - Er erzählt und erzählt, und man kann stundenlang gebannt zuhören: Marko Feingold, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, ist mit seinen bald 97 Jahren noch fast täglich unterwegs, um von seinen sechs Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern zu berichten. Stets ohne Hass und immer mit einer gesunden Portion Humor. Feingold erhält heute, Donnerstag, in Wien den ersten "Kurt-Schubert-Gedächtnispreis" für interreligiöse Verständigung.

Der Preis wird von der "Kontaktstelle für Weltreligionen", dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich und anderen Institutionen verliehen und ist mit 5.000 Euro dotiert.

Feingold wurde am 28. Mai 1913 in Banska Bystrica in der heutigen Slowakei geboren und wuchs in Wien auf. Mit 14 begann er eine Lehre zum kaufmännischen Angestellten, die er schon nach zwei Jahren abschloss. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst war er in den 1930er Jahren als Reisender unterwegs. Nach dem Anschluss 1938 wurden die beiden verhaftet, und es begann eine Odyssee: Sie flohen nach Prag, wurden nach Polen ausgewiesen, kamen mit falschen Papieren zurück. 1939 wurden sie ins KZ Auschwitz deportiert.

Es habe damals geheißen, dass ein Jude in Auschwitz eine maximale Lebensdauer von drei Monaten habe, erzählte Feingold kürzlich bei einem seiner Vorträge in Salzburg. Doch einer ganzen Reihe von kleinen Wundern sei es zu verdanken, dass er sechs harte Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern überlebt habe. Binnen weniger Wochen magerte der junge Mann im KZ auf 30 Kilo ab. Er war schwach und konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Und doch schaffte er es, in einen Transport für arbeitsfähige Häftlinge ins KZ Neuengamme in Deutschland zu kommen. Den Wecken Brot, den er als Ration für die mehrtägige Fahrt erhalten hatte, teilte er mit seinem Bruder, der bleiben musste. "Das war das letzte, was ich mit ihm gemeinsam erlebt habe", erzählt er. Ernst starb 1942 im KZ, wo und wie seine anderen beiden Geschwister umgekommen sind, weiß er bis heute nicht.

Über Neuengamme und Dachau gelangte Feingold schließlich 1941 mit einem Trupp gehbehinderter Häftlinge ins KZ Buchenwald. "Es war ein sonniger Tag, eine schöne Gegend", erinnert er sich an die Ankunft: "Wir konnten alle kaum gehen und mussten vom Frachtenbahnhof zehn Kilometer zu Fuß auf den Berg hinauf. Man muss die Zähne zusammenbeißen, damit man das aushält. Wir wussten: Wer zusammenbricht, wird erschossen."

Er erzählt unermüdlich von der harten Arbeit im Steinbruch, der Gewalt der SS-Leute und dem Hunger als ständigen Begleiter. "Ich war danach jahrelang esssüchtig. Das ist eine unheimliche Qual, die man sich nicht vorstellen kann." Ein Paar Wollsocken, das sich Feingold im Lager organisieren konnte, erschien ihm wie ein kleines Wunder. Es sind diese Geschichten eines Zeitzeugen, die so betroffen machen und berühren. Viele seiner Vorträge hält er vor Schülern. "Die heute 15-Jährigen sind ja noch Kinder, die können sich das alles nicht einmal vorstellen", kämpft er unermüdlich gegen das Vergessen der NS-Greuel an.

1945 wurde das Lager Buchenwald von den Amerikanern befreit. Feingold gelangte durch Zufall nach Salzburg, wo er sich ein neues Leben aufbaute. Er half jüdischen Überlebenden, die in Lagern für Flüchtlinge lebten, bei der illegalen Durchreise über Salzburg und Italien nach Israel. Er eröffnete ein Modegeschäft, heiratete. Seit 1979 ist er Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg und stets aktiver Teilnehmer am interreligiösen Dialog.

"Ich fühle mich als guter Österreicher. Ich bin Ehrenbürger von Salzburg. Das hätte sich ein Jude vor 100 Jahren nicht denken können", scherzt er. Und gibt allen Zuhörern eines mit auf den Weg: "Es gibt nichts Besseres als die Demokratie."