Werner Richard Heymann

Das kompositorische Spektrum Werner Richard Heymanns ist weit gespannt. Er begann als ernster Komponist von Liedern und symphonischen Werken, wandte sich 1919 dem Kabarett und der Bühnenmusik zu, arbeitete ab 1923 überwiegend für den Stummfilm, war seit 1926 Generalmusikdirektor der UFA und von 1930 bis zur Emigration 1933 der erfolgreichste Komponist des UFA-Tonfilms. Im Pariser Exil schrieb er zwei Operetten, in Hollywood die Musik zu über 40 Filmen. Nach der Rückkehr nach Deutschland 1951 entstanden weitere Filmmusiken sowie musikalische Lustspiele. Zweimal war Heymann maßgeblich an der Entstehung neuer Formen der Unterhaltungskunst beteiligt, beim literarischen Kabarettchanson nach Ende des Ersten Weltkriegs und beim Genre der Tonfilmoperette.

Werner Richard Heymann entstammte einer alteingesessenen Königsberger jüdischen Familie; einer seiner Brüder war der 1915 gefallene expressionistische Dichter Walther Heymann. 1908 spielte er bereits als Geiger im Philharmonischen Orchester Königsberg unter Paul Scheinpflug, der ihn in Violine, Musiktheorie und Komposition unterrichtete. Seit 1912 in Berlin lebend, nahm er bei Paul Juon an der Königlichen Hochschule für Musik Unterricht und machte 1914 Notabitur. Krankheitshalber aus dem Militär entlassen, folgten Hungerjahre, in denen er aber am intellektuellen Leben Berlins teilnehmen konnte; er war Mitglied im Rat geistiger Arbeiter und schrieb die von Alfred Kerr gerühmte Bühnenmusik zur Uraufführung von Ernst Tollers „Die Wandlung“. Seine Werke erschienen seit 1917 im Verlag Josef Weinberger, Wien; 1918 wurde seine „Rhapsodische Sinfonie“ durch die Wiener Philharmoniker unter Felix Weingartner uraufgeführt. 1918/19 war er gemeinsam mit Friedrich Hollaender musikalischer Leiter von Max Reinhardts Kabarett „Schall und Rauch“, schrieb für Rosa Valettis „Cabaret Größenwahn“ und „Die Rampe“ und war 1921 bis 1923 der musikalische Leiter von Trude Hesterbergs Kabarett „Die wilde Bühne“. In seinen literarischen Kabarettchansons vertonte er insbesondere Texte von Walter Mehring, Klabund, Kurt Tucholsky („Das Leibregiment“) und Leo Heller, aber auch von Fritz Grünbaum, Marcellus Schiffer und Gustav von Wangenheim u. a.; seine wichtigsten Interpreten waren Trude Hesterberg, Kate Kühl, Kurt Gerron und Annemarie Hase.

1923 begann Heymanns Laufbahn beim Film, als Nachfolger von Ernö Rapée wurde er 1926 Generalmusikdirektor der UFA und schrieb die Musik zu zahlreichen Stummfilmen, u. a. zu Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“ und Fritz Langs „Spione“. Ab 1929 begründete er in zwölf, von Erich Pommer produzierten, Filmen das Genre der Tonfilmoperette: am bekanntesten wurden „Die drei von der Tankstelle“, „Bomben auf Monte Carlo“, „Der Kongreß tanzt“ und „Ein blonder Traum“; viele seiner Filmschlager, zu denen meist Robert Gilbert die Texte schrieb, überdauerten die nationalsozialistischen Verbote und wurden Evergreens: „Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, mein Herz lässt Dich grüßen“, „Das ist die Liebe der Matrosen“, „Das gibt’s nur einmal“, „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bißchen Glück“ u. a. Gesungen wurden sie u. a. von Lilian Harvey, Oskar Karlweis, Heinz Rühmann, Hans Albers, Paul Hörbiger und den Comedian Harmonists. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten erhielt Heymann aufgrund seiner Popularität als einziger jüdischer Künstler ein Bleibeangebot der UFA, worauf er umgehend am 9. Apr. 1933 nach Paris emigrierte. Dort entstanden für die „bouffes parisiens“ die Operetten „Florestan I.“ und „Trente et quarante“. Nach vorübergehenden Aufenthalten in London, Hollywood und nochmals Paris ging Heymann im September 1936 endgültig nach Hollywood, wo er sich nach schwierigen Anfängen als Filmkomponist etablierte. Nach der Gleichschaltung Österreichs und der dortigen Verwertungsgesellschaft AKM beauftragten ihn die in den USA lebenden österreichischen Komponisten, unter ihnen Erich Wolfgang Korngold und Franz Waxman, ihre Interessen gegenüber der ASCAP zu vertreten. Heymann schrieb die Musik zu den Lubitsch-Filmen „Bluebeards eighth wife“ (gemeinsam mit Friedrich Hollaender), „Ninotchka“, „The shop around the corner“, „That uncertain feeling“ und „To be or not to be“. Für die beiden letztgenannten sowie für den symphonisch durchkomponierten Film „One million b. c.“ und „Knickerbocker holidays“ erhielt er Oskar-Nominierungen.

Am 4. Mai 1951 verließ Werner Richard Heymann Hollywood und reiste über Paris und Zürich nach München, wo er mit Zwischenstationen in Salzburg und Locarno bis zu seinem Tod lebte. Sein Haus war ein geselliger Treffpunkt, wo u. a. Robert Gilbert, Berthold Goldschmidt, Friedrich Hollaender, Greta Keller, Georg Kreisler, Walter Mehring, Erich Pommer, Trude Hesterberg, Helen Vita sowie die in ihren Emigrationsländern verbliebenen Musiker Erich Wolfgang Korngold, Mischa Spoliansky und Franz Waxman verkehrten. Neben den musikalischen Bühnenwerken „Professor Unrat“ nach Heinrich Mann und „Kiki vom Montmartre“, die er zu den Chansontexten von Robert Gilbert schrieb, komponierte er Filmmusiken, u. a. zu „Heidelberger Romanze“ mit Liselotte Pulver und O. W. Fischer , „Alraune“ mit Hildegard Knef und zu den Neuverfilmungen von „Die drei von der Tankstelle“ und „Der Kongreß tanzt“.

Der künstlerische Nachlass Heymanns wird im Werner-Richard-Heymann-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, betreut. Seine autobiographischen Aufzeichnungen erschienen postum 2001; Heymanns Werk betreut seine Tochter Elisabeth Trautwein-Heymann, www.heymann-musik.de.

Hauptquellen: Akademie der Künste 2000, HeymannWR 2001, AdK HeymannWR

Wolfgang Trautwein (2006, aktualisiert am 9. Dez. 2009)

übernommen aus
www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00001203